Die Wanderbaumallee

von Anna Kückelmann und Niklas Uebel

Bäume mit Sitzgelegenheiten wandern durch Stuttgarts Bezirke und verwandeln triste Straßen für einige Wochen in grüne Orte des Austauschs

Inititative Wanderbaumallee

Einleitung

Die Wanderbaumallee Stuttgart ist eine zivilgesellschaftliche Initiative, die mittels kurzzeitiger Interventionen im öffentlichen Raum auf transformative Potenziale aufmerksam machen möchte. Ihr Mittel sind mobile, mit unterschiedlichen Bäumen bepflanzte und mit Sitzgelegenheiten ausgestattete Pflanzkübel, die jeweils in den Sommermonaten im 4-Wochen-Turnus an verschiedenen Standorten in der Stadt aufgestellt werden. Dort treten sie an die Stelle von PKW-Stellplätzen und schaffen Orte zum Verweilen und für Gesellschaft. Die Initiator*innen haben dabei große gesellschaftspolitische wie ökologische Fragen im Blick. So engagieren sie sich neben der Ausweitung des Baumbestandes und Grünflächen für eine umweltfreundlichere Mobilität sowie für mehr Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Kontext

Stuttgart – die autogerechte Stadt

Die "autogerechte Stadt" bezeichnet ein städtebauliches Leitbild, welches besonders in den Nachkriegsjahrzehnten in deutschen Großstädten umgesetzt wurde. Dem motorisierten Verkehr und dessen Verkehrsachsen wurden andere Ziele, wie z.B. der Umweltschutz oder die Mobilität anderer Verkehrsteilnehmenden, untergeordnet. Die Stadt Stuttgart ist im Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen zerstört worden. Dadurch ergaben sich Möglichkeiten und Spielräume für eine Umsetzung von großen Verkehrsachsen auch im Innenstadtbereich. Damals gefeiert als modern und zukunftsorientiert, hat die Stadt heute mit Stau, Umweltbelastungen und unschönen Verkehrsflächen in prominenten Lagen zu kämpfen. Außerdem hat einer der größten Automobilkonzerne Deutschlands, die Daimler AG, ihren Sitz in Stuttgart. Auch Porsche und der große Zulieferer Bosch sind hier ansässig. Wie kann ein Umdenken hin zu nachhaltiger Mobilität in "Deutschlands heimlicher Autohauptstadt" gelingen?

Parklet & Co. – Initiativen zur Umnutzung von Verkehrsflächen in Stuttgart

Mit dem Umdenken im Bereich Mobilität und Nutzung des Öffentlichen Raums beschäftigen sich in Stuttgart schon seit einigen Jahren verschiedene Forschungsprojekte und Initiativen. Ein groß angelegtes Forschungsprojekt war das "Reallabor für nachhaltige Mobilitätskultur" der Universität Stuttgart. In sogenannten "Reallaboren" wurde die Stadt zum Experimentierfeld. Die verschiedensten Projekte zum Thema Mobilität und Öffentlicher Raum wurden getestet, evaluiert und sind zum Teil heute weiter aktiv. Ein Beispiel sind "Parklets", temporäre Interventionen auf Parkflächen in der Innenstadt. Es wurde eine Genehmigungsstruktur geschaffen, die es erlaubt durch ein vereinfachtes Genehmigungsverfahren Parklets beim Ordnungsamt genehmigen zu lassen (Link: How to Parklet). Von diesen Strukturen profitiert auch die Wanderbaumallee.

Casa Schützenplatz

Aus dem Reallabor ist auch der Verein "Casa Schützenplatz" entstanden. Ein Parklet auf dem Schützenplatz wurde während des Reallabors von Studierenden der Universität Stuttgart errichtet – dieses wurde so positiv genutzt von den Anwohnenden, dass sich ein nachbarschaftlicher Verein gegründet hat, der das Parklet weiter betreibt und sich aktiv für ihre gemeinsamen Interessen in der Stadtgestaltung einsetzt. Von Mitgliedern dieses Vereins entstand die Idee für die Wanderbaumallee, außerdem ist der Verein "Casa Schützenplatz e.V." auch der Trägerverein des Projektes Wanderbaumalle.

"Wir für eine grüne Stadt" statt "Wir gegen Autoverkehr"

Inititative Wanderbaumallee

Konzept

Bei der Wanderbaumallee handelt es sich um ein Projekt, das mittels baulich und funktioneller Intervention im öffentlichen Raum Aufmerksamkeit erregen und zum Nachdenken über einen neuen Umgang mit der Ressource öffentlicher Raum anregen möchte. Dabei werden hauptsächlich Verkehrs- und (PKW-)Stellflächen temporär umgenutzt und um neue Funktionen erweitert. Zunächst erfüllen die Baumstandorte eine ökologische Funktion für den Raum. Sie schaffen grüne Aufenthaltsorte, die ein Bewusstsein für Themen der ökologischen Nachhaltigkeit schaffen und durch das (temporäre) Ablösen der PKW-Stellflächen zum Nachdenken über neue Formen der Mobilität anregen. Die neugeschaffenen Aufenthalts- und Sitzgelegenheiten schaffen Treffpunkte und Orte zum spontanen Austausch. Die soziale Funktion wird ergänzt durch die Bildung der Nutzer*innen mittels Informationen an und über die Bäume sowie im Rahmen von Veranstaltungen. Aus der ökologischen und sozialen Funktion der Wanderbaumallee lässt sich zudem eine politische Funktion ableiten. So formuliert das neu geschaffene Angebot in der Gegenüberstellung zur bisherigen Nutzung eine politische Forderung. Eine Forderung, die sich aus der Frage nach einem neuen Umgang mit dem öffentlichen Raum, der Verteilung seiner Flächen unter den Nutzerinnen und dem Mobilitätsangebot ergibt. 

Die Wanderbaumalle wandert jedes Jahr von Mai bis September durch Stuttgart. An jedem der vor einer Saison bestimmten Standorte verweilen die Bäume jeweils für 4 Wochen, ehe sie im Rahmen einer angemeldeten Demonstration mit Hilfe der tatkräftigen Unterstützung von freiwilligen Helfern zu ihrem nächsten Standort wandern.

Das Projekt soll direkte Anwohner*innen und Nachbarschaften ebenso ansprechen wie Passant*innen, engagierte Stadtbewohner*innen, die städtische Verwaltung und politische Entscheidungsträger*innen. Die Wanderbaumallee adressiert durch ihre Präsenz im öffentlichen Raum und durch die Dokumentation ihrer Aktivitäten in den sozialen Medien die gesamte Zivilgesellschaft und möchte in diese hineinwirken.

Das Konzept und die Umsetzung der Wanderbaumalle Stuttgart lässt sich grundsätzlich an jeden beliebigen Ort transferieren. Die Idee beweglicher Stadtbäume gibt es auch bereits seit geraumer Zeit - als berühmtes Vorbild seien die Wanderbäume des Green City Vereins in München genannt, die bereits seit 1992 für die Begrünung des Stadtraums werben. Auch haben sich bereits Nachahmer*innen in anderen Städten als Stuttgart gefunden. Es bedarf dem Bewusstsein über den Zustand des öffentlichen Raums vor Ort, der Initiative von engagierten Einwohner*innen aber auch den rechtlichen Voraussetzungen, die allzu lange Genehmigungsprozesse umgehen und die Standortsuche erleichtern.

Akteure

Gruppe um Casa Schützenplatz e.V. plus stadtweite Gesellschaft, die den Bau und die jährlich neue Bepflanzung der Baummodule vornehmen, die die Organisation der Standortwechsel übernehmen (Planung und Organisation des Demonstrationszuges) und die das Anwerben bzw. Bearbeiten von Standortanfragen übernehmen.

Am jeweiligen Standort erklären sich Baumpat*innen, also Anwohner*innen und Akteure der lokalen Nachbarschaft, für die Pflege der Bäume während ihrer Station vor Ort bereit. Weitere Baumpat*innen übernehmen am Ende einer jeden Saison einen oder mehrere Bäume zur dauerhaften Einpflanzung im Umfeld ihrer eigenen gemeinnützigen Initiative.

engagierte Bürger*innen, die Veranstaltungen planen wie Afterwork-Sessions, Diskussionsrunden etc.
spontane Nutzer*innen, die en passant aufmerksam werden und verweilen
Anwohner*innen, die die neu geschaffenen Sitzmöglichkeiten (regelmäßig) nutzen.

Die Stadtverwaltung ist jeweils für die Genehmigung der Standorte zuständig.

Wie üblich bei der Änderung vorhandener Strukturen, gewohnter Nutzungen etc. ruft auch die Wanderbaumalle mit der Umnutzung von PKW-Stellplätzen gelegentlichen Unmut bei bisherigen Nutzer*innen des öffentlichen Raums oder Anwohner*innen ohne ein konkretes eigenes Interesse am Standort hervor. In aller Regel lassen sich diese Bedenken und Vorbehalte diskursiv aus der Welt schaffen und die Freude an der temporären Veränderung überwiegt.

Wie kommt die Wanderbaumallee zu ihren Nachbarschaften?

Anfänglich machte sich das Organisationteam der Wanderbaumallee Stuttgart für jeden Sommer proaktiv auf die Suche nach Standorten für die Wanderbaumallee. Ein Standort benötigt neben dem öffentlichen Raum, also potenziellen Stellflächen für die Baummodule, im besten Fall eine bereits aktive bzw. aktivierbare Nachbarschaft, die sich während der 4-wöchigen Umnutzung um die Baumpflege aber auch die Aktivierung des Ortes durch Aktionen kümmert.
Durch die zunehmende Bekanntheit und Beliebtheit bewerben sich Nachbarschaften und Initiativen mittlerweile selbst bei den Initiator*innen, um die Wanderbaumallee in der nächsten Saison beherbergen zu dürfen.

Welche Expertise bringen die unterschiedlichen Akteure in die Wanderbaumallee ein?

Um die Bäume dauerhaft wandern zu lassen, müssen die Akteure technisches und organisatorisches Know-how in das Projekt einbringen. Das organisatorische Know-how rekrutiert sich zu einem großen Anteil aus der vorangegangenen gemeinsamen Arbeit im Trägerverein Casa Schützenplatz e.V. und dem Beteiligungsprozess zur Umplanung des Schützenplatzes. Hinzu kommt in Eigenregie angeworbene Kenntnisse über rechtliche und verwaltungstechnische Abläufe der ehrenamtlich engagierten Mitstreiter*innen, die für die Realisierung des Projekts vonnöten sind. Auch die technische und kreative Expertise von Planerinnen und Planern im Team ist der Arbeit im Projekt dienlich. Darüber hinaus können sich Ehrenamtliche mit ganz anderer Art von Expertise einbringen: seien es Musiker*innen, die für die musikalische Untermalung bei Aktionen sorgen oder Kreative, die für eine bunte und lebhafte Gestaltung sorgen und Foto- oder Videomaterial zur Dokumentation der Aktionen erstellen.

Instrumente

Die Wanderbaumalle nutzt zwei rechtliche Instrumente, um ihr Projekt durchführen zu können. Das erste ist die Demonstrationsanmeldung: darunter fallen die monatlichen Baumwanderungen, bei denen die Wanderbaumallee über die Straßen Stuttgarts zum nächsten Standort geschoben wird. Diese werden beim Amt als Demonstration angemeldet und sind somit nicht genehmigungspflichtig.
Das zweite ist die Sondernutzung für Parkflächen. Diese kann man bei der Stadt Stuttgart in einem vereinfachten Verfahren (Parklet-Verfahren) anmelden. Die Genehmigung gilt dann temporär für die Nutzung der beantragten Parkflächen.

Für die Durchführung des Projektes werden finanzielle Mittel, Zeit und Engagement benötigt. Die Finanzierung erfolgt über Spendenakquise, Fördergelder von der Stadt Stuttgart und weiteren Stiftungen. Die benötigte Zeit wird ehrenamtlich von allen Akteuren zur Verfügung gestellt. Über ihre Homepage sowie die Social-Media-Kanäle wirbt die Wanderbaumallee um freiwillige, ehrenamtliche Helfer*innen.

Die Nachbarschaften, in denen die Wanderbaumallee steht, kümmern sich aktiv um die Pflege der Bäume - sie übernehmen sogenannte „Baumpatenschaften“ für die Zeit. Dazu gehört insbesondere das regelmäßige Gießen. Dadurch fühlt sich die Nachbarschaft direkt verantwortlich für die Bäume und damit indirekt für die Geschehnisse vor ihren Haustüren. Außerdem sind die Wanderbäume und ihre Sitzgelegenheiten immer öffentlich zugänglich, wodurch alle Anwohnenden zu jeder Zeit die Module für ihr Zwecke nutzen können.

Beteiligung erfolgt bei den sogenannten „Baumwanderungen“. Diese Wanderungen funktionieren auch dadurch, dass die aktiven Nachbarschaften sich an dem Umzug der Wanderbaumallee beteiligen. Außerdem werden die Standorte der Wanderbaumallee nicht vom Verein selbst festgelegt, sondern Nachbarschaften können sich selbst vorschlagen bzw. bewerben. Weiterhin finden regelmäßige Formate öffentlich zugänglich an der Wanderbaumallee statt: einmal wöchentlich die Teamsitzungen und das Format „Feierabend unter Bäumen“, bei dem sich die Nachbarschaft zum gemeinsamen Feierabendausklang trifft.

Es gibt eine Website und die klassischen Social-Media-Kanäle. An allen Sitzmodulen sind Flyerkästen angebracht, in denen sich Flyer mit Infos zu den Standorten der jeweiligen Saison befinden. Ein weiterer öffentlichkeitswirksamer Bestandteil sind die Baumwanderungen, die jedes Mal Aufmerksamkeit erzeugen.

Es muss eine Veranstalterhaftpflicht abgeschlossen werden für die Bäume und die Sitzmodule. Das kann nur über einen Verein laufen. Der Trägerverein der Wanderbaumallee ist der "Casa Schützenplatz e.V.".

Wirkung

Es treffen sich Menschen im öffentlichen Raum, die sich sonst evtl. eher im Privaten treffen. Es ist dadurch jetzt schon erlebbar, dass die Plätze, an denen sich die Wanderbaumallee befindet, deutlich belebter sind als ohne die Bäume. Es herrscht außerdem eine grundlegend andere Stimmung auf der Straße durch die gleichzeitige Abwesenheit der ruhenden PKW und die Anwesenheit der Wanderbäume.

An den jeweiligen Standorten haben sich noch keine Initiativen gegründet, die jetzt selbst ihren Stadtraum verändern. Aber es gibt andere Städte im deutschsprachigen Raum, in denen ähnliche Initiativen die Begrünung des Öffentlichen Raums vorantreiben möchten. Ein Beispiel ist Köln, wo das Format der Wanderbaumallee einen direkten Ableger hat.

Die Wirkung des Projektes ist bis jetzt noch nicht quantitativ oder qualitativ messbar gemacht worden. Eine Idee für das nächste Jahr ist, regelmäßig Fragebögen durch die Nutzer*innen ausfüllen zu lassen sowie eine Zählung der Nutzer*innen durchzuführen.

Es wird angedacht, eine neue Stelle in der Verwaltung zu schaffen für die Bearbeitung der Sondernutzungsanträge für Parkflächen. Dies ist nicht nur eine Errungenschaft der Wanderbaumallee, sondern generell von der Parklet-Bewegung.

Durch die Bäume halten sich mehr Menschen in der Straße bzw. auf dem Platz auf als sonst der Fall. Dadurch bekommen auch die lokalen Geschäfte und Gastronomien mehr Kundschaft.

Weitere Literatur

Titel Dateityp
StadtSelberMachen - Bruns pdf
Freiraumfibel - Wissenswertes über die selbstgemachte Stadt pdf
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